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Ukemi - die andere Hälfte des Aikido

In unsere Vorstellung übertragen lässt sich das Wort "Ukemi" in etwa mit "dem Körper empfangen/annehmen/akzeptieren".

Dieser im Training des Aikido immer wieder zu hörende japanische Begriff bezeichnet pauschal die grundlegenden Methoden des Angriffs und die aus der Verteidigung resultierenden Fall- und Rollübungen.

Verständlicherweise lässt sich in der Übsituation des heutigen Aikidotrainings eine reale Kampfsituation nur sehr bedingt nachstellen. Um so wichtiger ist daher die bewusste und intensive Beschäftigung der einzelnen Aspekte von Angriffs-/Verteidigungssituationen.

"Ukemi geben" - "Ukemi nehmen"

Bei allen Vorbehalten des Gebrauchs von Begrifflichkeiten aus fremden Sprachkulturen benutze ich für meine praktische Arbeit zum einen "Ukemi geben" für die angreifende und zum anderen "Ukemi nehmen" für die verteidigende Aktivität.

Bei einem echten "Angriff" liegt i.d.R. eine emotionale Aufgewühltheit und eine Schädigungs- bzw. Vernichtungsabsicht zugrunde, dem ggf. entsprechend heftige körperliche Attacken folgen. Ein "Angegriffener" wird darauf vermutlich emotional und körperlich irgendwie ähnlich reagieren.

Bei jeder Art einer echten Auseinandersetzung schießt Adrenalin durch den Körper, macht das Herz rasen, die Knie weich, den Mund trocken und den Blick sich verengend auf den unmittelbaren Gegenüber. Ein uraltes "Bios"-Programm läuft ab und bereitet uns auf Kampf oder Flucht vor. Wenn’s dann ganz schief läuft, tritt eine "Angst-lähmung" ein mit vielleicht verheerenden Folgen.

In der relativ ungefährdeten (Labor-)Atmosphäre eines Dojo ist von alledem nichts oder nur wenig spürbar. Aber wie lässt sich in einer solchen "beschützenden Werkstatt" die Wirklichkeit zumindest näherungsweise nachbilden?

Das erfordert allerdings ein ganzes Bündel von Maßnahmen. Und beginnt mit der Bewusstheit darüber, das sich mental viel stärker ins Training einzubringen ist, als bislang vielleicht praktiziert. Bereits beim Betreten des Dojo ist volle Konzentration gefordert und über das gesamte Training aufrechtzuerhalten. Dem Einwand, dies ließe sich über ein- bis eineinhalb Stunden oder gar länger nicht halten, ist damit zu entgegnen, dass in einem Dojo nicht nur Gekonntes praktiziert, sondern vor allem Nicht-gekonntes geübt werden soll. Das damit so ganz nebenbei auch noch eine wichtige Voraussetzung für ernstzunehmende Meditation erarbeitet wird, sei nur am Rande erwähnt.

Hinzu kommt eine Achtsamkeit, die auch beim Überqueren der Straße bei Grün den "asymmetrischen Rundumblick" auslöst, der uns rechtzeitig das evtl. von hinten links einbiegende Fahrzeug wahrnehmen lässt.

Einer tatsächlichen Angriffshandlung ist eine klare Schädigungsabsicht zu unterstellen. "Ukemi" hingegen wird getragen von der wohlwollenden Absicht, die gesamte mentale und körperliche Energie einem ebenfalls sich auf dem "Weg" befindlichen Übungspartner uneingeschränkt als Übungshilfe zur Verfügung zu stellen.

Wie bei einem realen Angriff wird beim "Ukemi geben" die bewusste körperliche Aktivität durch einen klaren Willensakt (mentale Aktivität) eingeleitet. Richtig angreifen bedeutet, es auch wirklich zu wollen. Die hierdurch ausgelöste mentale und körperliche Bewegungspower wirkt dabei, abhängig vom erkennbaren Übungsfortschritt des Partners, abgestuft oder rückhaltlos auf diesen ein. Dabei reichen die "Angriffs-"formen von vorher vereinbarten statischen oder dynamischen bis hin zu solchen willkürlicher Art. Also von Kihon Waza über Ki no Nagare bis hin zu Awase.

Rollentausch

Der verteidigende Partner kann jetzt das "gegebene" Ukemi seinerseits mit einer passenden Aikidotechnik an-"nehmen". Wenn man so will, werden nun die Rollen getauscht, aus dem Ukemi-gebenden wird jetzt ein Ukemi-nehmender und umgekehrt.

Entscheidend für ein gutes Ukemi ist, dass der jetzt Ukemi-nehmende, also der ursprüngliche "An-greifer", auch weiterhin physisch und mental aktiv am Geschehen teilnimmt. Denn nur so lässt es sich über die wahrgenommenen Bewegungsimpulse "mit"-bewegen und die Schärfe einer schlüssigen und konsequent ausgeführten Aikidotechnik durch entsprechendes Rückwärts- oder Vorwärtsrollen bzw. Seitwärtsfallen schadensfrei neutralisieren. Hierbei ist es manchmal unerlässlich, die Beine zu benutzen, um das eigene Zentrum als Dreh- und Angelpunkt ein wenig höher zu bringen.

Abstand halten

Ma-Ai (jap.) steht für dynamische, angemessene Distanz und bezeichnet den leeren Raum zwischen (in unserem Falle) den Übungspartnern. Angriff und Verteidigung setzen Überwindung/Wiederherstellung bzw. Veränderung von Distanz zwingend voraus. Zu geringe Distanz bedeutet unmittelbare Erreichbarkeit und Möglichkeiten unvorhersehbarer Attacken. Unverhältnismäßig große Distanzen erfordern schon mal leichtathletische Fähigkeiten (bei einem "echten" Kampf als lebens-/gesundheitserhaltende Maßnahme vielleicht nicht zu unterschätzen).

Durch die unterschiedliche Reichweite ist eine regelmäßige Arbeit mit Stock und Schwert für das Bewusstsein eines flexiblen und angemessenen, daher optimalen Distanzverhaltens ungemein wichtig und hilfreich.

Bodenkontakt

Die meisten Wurftechniken ermöglichen im Dojo und bei Geübten eine sanfte Vorwärts- oder Rückwärtsrolle und tragen so zu einem gewissen ästhetischen Eindruck einer Aikidobewegung bei. Deshalb ist bei allen Rollbewegungen darauf hinzuarbeiten, dass wie bei einem Ball oder Reifen nur der kleinstmögliche Teil des eigenen Körpers mit dem Boden in Kontakt kommt.

Auch hier ist das Bewusstsein für die eigene Mitte von entscheidender Bedeutung. Die Wahrnehmung dieser wichtigen Körperachse muss eine starke und permanente sein und ist daher in allen Bewegungen immer wieder zu erinnern. Um diese Körperbewusstheit dauerhaft zu verankern, ist die Mitnahme entsprechender Haltungen und Übungen in den gelebten Alltag zwingende Voraussetzung.

Die gerade bei Anfängern immer wieder zu beobachtende, sehr an Schulsport und Turnübung erinnernde Rückwärtsrolle ist beim Aikido völlig deplatziert und daher sofort und mit allem Nachdruck abzustellen.

Rollen und Fallen

Zwei Begriffe für eine doch gleiche Sache? Als jugendlicher Judoka erlernte ich das im Judo übliche Fallen mit flachem Körper und kräftigem Abschlagen mit Arm/Hand. Sehr viel später habe ich Ju-Jutsu-Leute bei einer Vorführung gesehen. Ihre sehr guten Abrollbewegungen entsprachen dem, was ich mittlerweile vom Aikido her kannte.

Seit Ueshiba seine Kampfkunst unterrichtet hat, wird es wohl immer beide Arten gegeben haben. Vermutlich abhängig davon, was seine Schüler vorher gemacht haben.

Mein Lehrer Asai Sensei konnte sich nach eigener Aussage als jugendliches Leichtgewicht gegen seine älteren, größeren und schwereren Mitschüler nur durch seine besondere Falltechnik durchsetzen. Die beim Werfen entstandene kinetische Energie hat er zum Rollen und Aufstehen genutzt, um seinen Partner unvermittelt und direkt wieder angreifen zu können.

Seine im harten Einsatz erarbeiteten Fähigkeiten machten ihn als Uke legendär. Dass die großen Meister Tada, Tamura, Noro bei Demonstrationen sicher nur Dank ihm zu Höchstleistungen auflaufen konnten, ist wohl nicht übertrieben. (Auf meiner Homepage sind einige kleine Filmbeiträge dazu aufrufbar.)

Die andere Art des Fallens habe ich erstmals 1975 anlässlich der 10-Jahres-Feier des Aikikai gesehen bei der Vorführung des 2. Doshu Kisshomaru Ueshiba u.a. mit seinem Sohn Moriteru. Ich erinnere mich noch an die eher befremdliche Reaktion auf die mehr "judoähnliche" Falltechnik.

Die beiden doch recht verschiedenen Arten des Rollens und Fallens möchte ich ihrer Bewegungstendenz entsprechend als "aufstehend" und "liegenbleibend" umschreiben.

Wobei in der "liegenbleibenden" Art als Abschluss auch schon mal eine sitzende Position eingenommen wird.

Da die Aikidoszene mittlerweile von verschiedenen Stilen und Lehrerausprägungen gekennzeichnet ist, wird je nach Übungsoption die eine oder andere Form favorisiert.

Was die "Alltagstauglichkeit" des Rollens und Fallens betrifft, wer auf der Straße mal unvermittelt ausgerutscht ist und gewohnheitsmäßig abgeschlagen hat, wird es danach so wohl nicht mehr tun wollen.

Daher sollte ab einem gewissen Niveau für die Übungen des Vor- und Rückwärtsrollens regelmäßig die Matte mit einer härteren Unterlage getauscht werden. Alle Unebenheiten des eigenen Körpers werden so unbarmherzig offenbar.

"Fordern und Fördern" – Ukemi heute

Im Gegensatz zu O-Sensei’s Zeiten, wo dem Vernehmen nach ein spezielles Ukemi nicht unterrichtet wurde, werden Anfänger heute gezielt an die Kunst des Fallens und Rollens herangeführt. Zu Beginn nahezu jeder Übungsstunde wird mehr oder weniger intensiv gerollt, gekugelt, gefallen. Aber zu einem guten Ukemi gehört auch die Ausbildung einer guten Angriffsfähigkeit. Atemi ist ja nicht etwa ein vernachlässigbares Überbleibsel aus alter Zeit, sondern eigentlich integraler Bestandteil jeder Aikidotechnik. Und lässt sich durchaus separat einüben. Mit erstaunlichen Auswirkungen auch auf Standard-Greifangriffe.

Zwei Hände – Zwei Füße

Wie oft lässt sich – auch bei Fortgeschritteneren – beobachten, dass beim "Ukemi geben" nur die eine Körperseite angriffsaktiv ist. Die andere Seite scheint gar nicht dazuzugehören. In einem realen Kampf wird von einem qualifiziert zuschlagenden, zupackenden Gegner immer der ganze Körper als Waffe eingebracht. In der Übsituation eines Dojo ist es daher unerlässlich, bereits bei den einfachsten Angriffen gleichzeitig die andere Hand, die Ellbogen, die Knie, die Füße ansatzweise, aber unmissverständlich ins Spiel zu bringen oder sie zumindest deutlich sicht- und spürbar bereitzuhalten. Es ist einfach zu wichtig, dass wir unsere Partner nachhaltig auf angreifbare Lücken hinweisen.

Und einerlei, ob wir Aikido als Budo oder als Wegübung betreiben, Klarheit, Schärfe und Präzision im Ausdruck unseres Tuns ist beiden absolut gemein. Wahrnehmung, Achtsamkeit, Konzentration und ein klarer scharfer Wille sind hierbei entscheidende Voraussetzungen.

Fazit

So betrachtet, wird ersichtlich, dass "Ukemi" als die "andere Hälfte des Aikido" in der gleichen strengen Bewusstheit und Hingabe geübt werden muss wie die eigentlichen Aikido-Techniken. Denn nur so ist irgendwann der geistige Absichtsimpuls vorausfühlend zu erahnen, die "Handbreit" Gleichgewichtsirritation eines qualifiziert und dynamisch zupackenden oder zuschlagenden Partners zu erspüren, welche den Einbezug des "Angreifers" in und die Mühelosigkeit einer ganzheitlichen, somit auch ästhetischen, Aikidobewegung erst "geschehen" lässt.

Von Klaus Meyer, 5. Dan Aikido - Aikido IG Hilden

Mehr Lesestoff von Klaus Meyer auf den Seiten der Aikido IG Hilden

 

Von: Klaus Meyer   Erstellt am:2009-04-20    Letzte Änderung:2010-10-11

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